Vor zwei Wochen hab ich hier den 1958er Hammer Horror Dracula mit Christopher Lee und Peter Cushing besprochen, jetzt gibt’s weiteren Dracula-Nachschub mit der Verfilmung von Francis Ford Coppola. Diese beiden Filme so kurz hintereinander zu sehen ist schon sehr reizvoll – sehr viel unterschiedlicher kann man diesen Stoff wahrscheinlich gar nicht inszenieren.
Auch hier noch mal der Verweis auf Olivers wunderbare „Dracula vs Frankenstein“-Reihe, allerdings wird es da wohl noch eine ganze Weile dauern, bis Oliver in den 90ern angelangt ist.
Regisseur: Francis Ford Coppola
Musik: Wojciech Kilar
Darsteller: Gary Oldman, Keanu Reeves, Winona Ryder, Anthony Hopkins, Richard E. Grant, Cary Elwes, Sadie Frost, Tom Waits
Crew: Michael Ballhaus (cinematography)
Erscheinungsjahr: 1992
STORY
1462: Graf Dracula (Gary Oldman) verteidigt sein Heimatland und das Christentum gegen die angreifenden türkischen Truppen. In seiner Abwesenheit erhält seine geliebte Frau Elisabeta (Winona Ryder) Nachricht von seinem Tod und stürzt sich verzweifelt von der Burg. Als Dracula zurück kommt und sieht, dass seine Frau tot ist und ihr sogar von der Kirche wegen ihrem Selbstmord keine letzte Ruhe gegeben wird, verflucht er Gott und die Kirche – und wird zum Vampir.
400 Jahre später trifft Dracula auf den jungen Immobilienmakler Jonathan Harker (Keanu Reeves), in dessen Verlobten Mina (Winona Ryder) er seine verstorbene Frau wieder erkennt. Während er Harker in Transsylvanien gefangen hält, reist Dracula nach London um Mina zurück zu holen. Dr Abraham Van Helsing versucht dort den Vampir aufzuhalten…
REVIEW
Schon nach ein paar Minuten des Prologs ist klar: dieser Film trägt wahnsinnig dick auf. Man kann anfangs gar nicht glauben, wie viel Symbolismus, visuelle Spielereien, überdrehtes Schauspielern und Effekte in diesem Film Platz finden. „Subtil“ ist definitiv ein Wort, dass in dieser Welt gar nicht existiert. Die Bildkompositionen und die visuelle Üppig
keit haben stellenweise etwas von einem Comic, und es hätte nicht mehr viel gefehlt, um das alles völlig übertrieben und albern wirken zu lassen. Coppola zieht diese Linie aber konsequent und ohne unnötige Ironie durch, und weil Coppola halt Coppola ist, schafft er es auch, dass dies alles tatsächlich funktioniert.
Hat man sich mal darauf eingestellt, kann man das alles aber durchaus genießen – gerade wenn man den Film im Zuge eines Filmseminars schaut und so eh schon auf technische Aspekte besonders achtet. Da sitzt man dann mit offenem Mund vor diesem Wirbelsturm und staunt ständig über die ganzen hier zusammen gebastelten Einfälle und Techniken.
Dieser ganze Symbolismus und Effektreigen hat aber auch seine Nachteile. Letztlich ist alles so over-the-top und dadurch befremdlich, dass man sich schwer tut, sich in diese Welt hinein zu versetzen und mit den Figuren mitzufühlen. Man wird überwältigt von dem hier gebotenen Spektakel, aber man bleibt dabei trotzdem immer etwas distanziert
Während die 58er Verfilmung sehr viel zusammenkürzt und vereinfacht, folgt die Handlung in Coppolas Film der des Romans recht genau. Das resultiert in einem etwas größeren Figurenarsenal
als vielleicht gewohnt – normalerweise würde man in einem Film wohl auf zwei der drei Anbeter von Lucy verzichten und den ganzen Renfield-Nebenplot raus nehmen. Allerdings ist das so natürlich auch nicht zu komplex, und Coppola leistet gute Arbeit im ordnen seiner Welt, die „Wer war das denn jetzt schon wieder?“-Momente halten sich also in Grenzen.
Eine Dracula-Verfilmung fordert natürlich auch einen ordentlichen Anteil Sex und Blut. Die 58er-Verfilmung musste sich dabei noch eher zurückhalten um sein Publikum nicht zu verschrecken, in den 90ern sieht die Sache da aber schon anders aus und Coppola schöpft da auch aus den vollen. Dabei ist aber gerade die Gewalt (in Übereinstimmung mit dem restlichen Film) so übertrieben, dass sie keine besonders unangenehme Wirkung auf den Zuschauer hat, diese Szenen sind eher eklig statt wirklich schmerzhaft (im Gegensatz bspw zum kürzlich besprochenen The Krays).
Sicherlich bemerkenswert an dieser Verfilmung ist auch das Star-Ensemble, das hier zusammengetrommelt wurde. Gary Oldman liefert eine wunderbare Dracula-Darstellung
ab und hat eine bemerkenswerte Leinwandpräsenz. In diversen Masken darf er ziemlich chargieren, bleibt dabei aber immer glaubhaft- bedrohlichen Grenzen, als junger Prinz Dracula hat er dann Gelegenheit sein ganzes Charisma auszuspielen – man hätte da auch ohne besondere Geistesverbindung keinerlei Probleme zu verstehen, warum Mina ihm verfällt. Diese wird auch sehr schön von Winona Ryder dargestellt, der man sowohl das Unschuldiges-Mädchen-Image abnimmt als auch ihre etwas wahnsinnigeren Szenen später. Keanu Reeves spielt etwas hölzern, passt damit aber durchaus in die Jonathan-Harker-Rolle. Anthony Hopkins’ Van Helsing hat mir dagegen nicht sonderlich gefallen. Ich fand zwar seine „I just want to cut off her head and take out her heart”-Einsätze herrlich, ansonsten war er mir aber einfach zu durchgedreht. Vielleicht bin ich einfach noch zu verliebt in Cushings Van Helsing, aber irgendwie sollte er ja als Gegenpol zu Dracula funktionieren – und wenn er so hysterisch agiert, passt das Gleichgewicht nicht so recht.
Noch ein bisschen Doctor-Who-Trivia: Beide hier bisher bespro
chene Dracula-Verfilmungen bieten jeweils für Doctor Who Fans Grund zum Schmunzeln. In beiden Filmen tritt nämlich jeweils ein Schauspieler auf, der hier einen Doktor spielt und der dann jeweils 7 Jahre nach der Verfilmung in einem Nicht-Canon-Medium als Doctor auftritt: Peter Cushing als Doctor Van Helsing und dann als Doctor in den Dalek-Filmen, und Richard E. Grant als Doctor John Seward und dann als Doctor-Parodie in Curse of Fatal Death und als Shalka-Doctor. Ja, doch, über solche Zusammenhänge kann ich mich freuen *g*
Aber zurück zum Film: Francis Ford Coppolas Dracula hat sicher seine Schwächen, ist aber dabei trotzdem durch und durch faszinierend. Für Fans des Stoffe eine sehr lohnende Verfilmung, und ein wirklich interessanter Kontrast zur völlig anders wirkenden Verfilmung von 1958.